Wirtschaftsaussichten 2022/23

Unbeständigkeit?

Die Reaktionen der Zentralbanken (in den USA, Europa und der Schweiz) angesichts der extremen Unsicherheit aufgrund der Inflation bei den Import- und den Rohstoffpreisen haben die Analystinnen und Analysten eher überrascht. In der Schweiz wird für 2022 eine Inflation von 2,7 % erwartet. 2023 dürfte die Teuerung jedoch wieder sinken und so ein Abgleiten der Wirtschaft in eine Rezession verhindern. Es sollte sogar ein moderates Wachstum möglich sein. Sowohl die Unternehmen als auch die Privathaushalte befinden sich nach wie vor in guter finanzieller Verfassung und auch die sektorale Ausrichtung der Schweizer und der Genfer Wirtschaft sorgt für Widerstandsfähigkeit.
 
 

Starker Anstieg der Inflation und drastische Reaktion der SNB

Bereits seit mehreren Monaten führen der Konflikt in Osteuropa und logistische Engpässe zu steigenden Rohstoffpreisen und zu einem Inflationsanstieg aufgrund der höheren Importpreise. Angesichts dieser Entwicklung haben die Zentralbanken, namentlich die US-Notenbank Fed, aber auch die SNB, drastische Massnahmen ergriffen. So kündigte Thomas Jordan in seiner Erklärung vom 16. Juni nach sieben Jahren mit Negativzinsen den bevorstehenden Ausstieg aus der unkonventionellen Geldpolitik an und erhöhte den Leitzins der SNB um 50 Basispunkte. Mit diesem kämpferischen Kurs soll ein kontinuierlicher Anstieg der Inflation vermieden werden. Eine Abschwächung der Teuerung wird für 2023 erwartet, sofern eine Übertragung auf die inländischen Preise ausbleibt. Sollte sich das Szenario bestätigen, wird die Inflationsspirale nicht lange genug anhalten, um einen zu schnellen und generellen Lohnanstieg auszulösen. Die Behörden könnten hingegen gezielte Massnahmen zur Stützung der Kaufkraft in Erwägung ziehen, um die Anpassung an ein neues makroökonomisches Umfeld ohne Deflation zu erleichtern.

Unbeständiges Wachstum, aber Inflation ist nicht gleich Rezession

Nach einer Phase mit beschleunigtem Wachstum im Zuge des Aufschwungs nach der Corona-Krise und dem dadurch bedingten Nachholbedarf kühlt sich die Konjunktur allmählich wieder ab. Dabei ist Inflation aber nicht automatisch mit Rezession gleichzusetzen und die aktuelle konjunkturelle Lage sollte durchaus mit einer gewissen Zurückhaltung beurteilt werden. An der Finanzkraft und der Konkurrenzfähigkeit der Unternehmen hat sich nichts geändert und auch die Ersparnisse der Privathaushalte sind nach wie vor hoch. In den spezialisierten Sektoren der Schweizer und der Genfer Wirtschaft ist keine unmittelbare Verlangsamung zu befürchten. Der Arbeitsmarkt erweist sich bislang ebenfalls als robust, weshalb keine Lohn-Preis-Spirale zu erwarten ist.

 

Luftloch oder Luftholen im Immobiliensektor?

Der rasche Anstieg der Hypothekarzinsen ist Ausdruck der wachsenden Nervosität an den Finanzmärkten angesichts der Ankündigungen der Zentralbanken und hat natürlich auch Auswirkungen auf die Hypothekarkredite in der Schweiz und in Genf. Daher stellt sich die Frage nach einem steigenden Immobilienrisiko. Diesbezüglich gilt es die Faktoren Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage, Entwicklung am Arbeitsmarkt und anhaltende Attraktivität einer Region (die in der demografischen Entwicklung zum Ausdruck kommt) zu analysieren. All diese Faktoren sprechen dafür, dass der zu schnelle Anstieg der Preise für Wohnimmobilien im Gefolge der Corona-Krise nicht anhalten wird. Zu einem Immobilienschock dürfte es daher nicht kommen. Die steigenden Zinsen sollten keine Hürde für den Erwerb von Wohneigentum darstellen, sondern sich vielmehr auf die Abwägung zwischen Immobilienanlagen als Renditeobjekt (Mieteinnahmen) und festverzinslichen Vermögenswerten (Anleihen) auswirken.